© Christina Lembrecht
© Christina Lembrecht

Teilprojekt Dr. Andrea Renker

Abstract

Das 18. Jahrhundert wird unter den Vorzeichen der Aufklärung als einer transnationalen geistigen Bewegung des Fortschritts zumeist gelesen als entscheidender Moment, der Europa den Weg in die Moderne ebnet. Wenngleich dieses teleologische Geschichtsnarrativ zu hinterfragen ist, prägt die geistige Betriebsamkeit der philosophes in ganz Europa tatsächlich das Bewusstsein eines grundlegenden epistemischen Wandels, der nicht zuletzt in der Frage nach der Natur des Menschen entscheidende Impulse setzt. Mit dem Xantener Kanoniker Cornelius de Pauw (1739–1799) steht in meinem Forschungsprojekt ein Aufklärer im Zentrum, der mit seinen Recherches philosophiques seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Debatte um die menschliche Spezies und ihre Zivilisationen wesentlich beeinflusst. In einer kontrastiven Lektüre mit zeitgenössischen Gelehrten, die im deutsch-, französisch- und italienisch sprachigen Raum auf seine Positionen Bezug nehmen, will ich erstens untersuchen, wie sich im epistemischen Spannungsfeld zwischen Naturgeschichts- und Geschichtsschreibung die Möglichkeiten neu konstituieren, über die Menschheit, ihre verschiedenen espèces und Zivilisationen zu schreiben; und zweitens inwiefern in dieser Zeit geschichtlicher Bewusstwerdung einerseits und zunehmender Technisierung einer empirisch fundierten Naturbeforschung andererseits der traditionellen humanistischen Wissenskultur ein Erkenntnispotenzial zugestanden wird. Angelpunkt meiner literaturwissenschaftlichen Studie ist dabei der Vergleich, dem als heuristisches Instrument eine entscheidende Rolle zukommt und der insofern als Denk- wie auch als rhetorische Figur über die Dynamik dieses epistemischen Wandels Auskunft gibt.