Lichtspiel im Foyer
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Internationaler Workshop "Ausnahmezustände in der Gegenwartsliteratur: nach 9/11"

Der Workshop setzt das Nachdenken über den Ausnahmezustand als Prädisposition und Sujet der Literatur fort, das bereits in dem Sammelband „Literatur des Ausnahmezustands“ für den Zeitraum 1914-1945 begonnen wurde. Auch in diesem Projekt wird der Ausnahmezustand in der Nachfolge Giorgio Agambens nicht nur als streng staatsrechtlich-technischer Begriff aufgefasst, sondern als die Vorbedingung zum Verständnis der Beziehung, in der sich die schwer konturier- und definierbare Sphäre des ‚Lebendigen‘ in der abendländischen Kultur (besonders seit dem Ersten Weltkrieg) an das Recht bindet – und in der sie sich zugleich an das Recht verliert.

Die Zäsur des 11. September 2001 wirft erneut und auf noch radikalere Weise die Frage nach dem engen, aber doch paradoxen Verhältnis von Gewalt und Leben sowie nach dem Verhältnis von Rechtsetzung und Suspendierung des Rechts im Ausnahmezustand auf, und sie verdichtet in ihrer Ereignishaftigkeit eine Katastrophenstimmung des abendländischen Zivilisationsmodells, die von ökonomischen und ökologischen Krisen und der durchgängigen Verunsicherung eines überspannten Freiheits- und Individualitätsbegriffs weiter genährt wird. Terror und „war on terror“ provozieren einen verbissenen Kampf um die Souveränität – sowohl des Staates als auch seiner Bürger. Im Schatten der Attentate von 9/11 gerät das affirmative ästhetische Konzept eines einsam streitenden Kämpfers gegen die abstrakte ökonomische Übermacht ins Zwielicht. Die Autonomie des Individuums erscheint einerseits angesichts der zunehmend totalitären Datenüberwachung als zu verteidigendes Gut, andererseits in der von der Technik potenzierten Entscheidungsmacht des Einzelnen über Leben und Tod als Teil eines alltäglichen Bedrohungsszenarios. Versteht man die Literatur in der Tradition der Avantgarde als Provokation eines Ausnahmezustands, oder auch nur als Verweis auf eine mögliche ‚Ethik der Ausnahme‘, so muss sie sich angesichts der Normalität des Katastrophendiskurses nach 9/11 neu positionieren. Das Gespräch will daher – in kleinem Kreis und mit viel Raum für Diskussionen – die Frage nach dem Ausnahmezustand in Bezug auf literarische Themen, Gestalten, Formen und ihre ästhetische Wirkung in der Gegenwart stellen und sich damit einer ästhetisch ebenso wie gesellschaftlich relevanten Frage unserer Zeit stellen.